Shopware oder Shopify? Eine Entscheidungshilfe ohne Agentur-Bias
Vorweg die Offenlegung, weil sie für die Bewertung dieses Textes wichtig ist: Wir arbeiten mit beiden Systemen. Unser eigenes Produkt Printshade läuft auf Shopify. Wir haben Shopware-Projekte umgesetzt und wir haben Kunden von Shopware zu Shopify begleitet — und einmal in die andere Richtung.
Wir haben also kein System zu verteidigen. Was wir haben, ist ein Muster: Die Entscheidung fällt fast immer an vier Fragen, und keine davon hat mit Funktionslisten zu tun.
Die vier Fragen
Frage 1: Wie komplex ist deine Preis- und Kundenlogik?
Das ist die Frage mit der größten Trennkraft. Nicht die Zahl deiner Artikel, nicht dein Umsatz — deine Regeln.
Wenn du kundenindividuelle Preise vergibst, mit Staffeln nach Abnahmemenge arbeitest, Händlergruppen unterschiedlich behandelst, Angebote freigeben lässt oder Bestellungen auf Rechnung mit Kreditlimit abwickelst, dann bist du im B2B-Geschäft. Shopware ist dafür gebaut. Die Regellogik und die B2B-Funktionen sind Teil des Produkts, und die Steuerlogik im europäischen Kontext ist gründlicher gelöst.
Wenn dein Preis für alle gleich ist und Rabatte über Codes und Aktionen laufen, ist diese Stärke für dich irrelevant — und du zahlst sie in Komplexität mit.
Frage 2: Wer betreibt den Shop technisch?
Shopware kannst du selbst hosten. Das ist ein echter Vorteil: Datenhaltung in der EU, freie Serverwahl, kein Anbieter, der dir Grenzen setzt. Es ist auch eine echte Verpflichtung — Aktualisierungen, Sicherheitspatches, Skalierung vor dem Weihnachtsgeschäft, Backups. Das ist keine große Sache, wenn jemand dafür zuständig ist. Es ist eine sehr große Sache, wenn niemand es ist.
Shopify nimmt dir diesen Bereich vollständig ab. Das ist der eigentliche Kern des Angebots, nicht die Vorlagen. Du bekommst Verfügbarkeit, Skalierung und Zahlungssicherheit als Teil des Preises.
Unsere Erfahrung: Diese Frage wird am häufigsten falsch beantwortet. Sie wird als technische Frage behandelt und ist eine Personalfrage. Wenn du niemanden hast, der die Verantwortung im Kalender hat, dann brauchst du entweder einen Wartungsvertrag oder ein System, das den Betrieb einschließt.
Frage 3: Wie eigen ist dein Kaufprozess?
Bei Shopify ist der Bestellabschluss der Bereich mit den engsten Grenzen. Das ist Absicht: Er ist auf Abschlussrate optimiert und wird laufend verbessert. Wenn du eigene Schritte im Kaufprozess brauchst — eine Konfiguration mit Freigabe, eine Prüfung vor der Bestellung, ein mehrstufiger Genehmigungsweg — kommst du in einen Bereich, in dem entweder ein höherwertiger Tarif nötig ist oder es an Grenzen stößt.
Bei Shopware ist der gesamte Ablauf deiner. Damit kommt die Freiheit, ihn zu verbessern, und die Verantwortung, ihn nicht zu verschlechtern. Wir haben mehr selbstgebaute Bestellabschlüsse gesehen, die die Abschlussrate senken, als solche, die sie heben.
Die ehrliche Empfehlung: Wenn dein Kaufprozess Standard ist, ist die Beschränkung ein Vorteil. Wenn er es nicht ist, ist sie ein Ausschlusskriterium.
Frage 4: Was ist deine Startgeschwindigkeit wert?
Ein solider Shopify-Shop steht in Wochen. Ein solider Shopware-Shop braucht in vergleichbarer Qualität deutlich länger, weil mehr Entscheidungen zu treffen sind — und weil mehr entschieden werden kann.
Das ist kein Qualitätsurteil, sondern eine Frage der Lage. Bei einem neuen Geschäftsmodell, das sich noch beweisen muss, ist Tempo mehr wert als Anpassbarkeit. Bei einem gewachsenen Handelsgeschäft mit eingespielten Abläufen ist es umgekehrt: Dort kostet ein System, das deine Prozesse nicht abbildet, jeden Tag Zeit im Betrieb.
Kosten: die Rechnung, die selten stimmt
Beide Seiten stellen ihre Kostenstruktur günstig dar, und beide Rechnungen sind unvollständig. Die verlässliche Betrachtung geht über drei Jahre und enthält vier Posten.
Bei Shopify ist die monatliche Gebühr der kleinste Teil. Dazu kommen: Transaktionskosten — Zahlungsgebühren immer, zusätzliche Anbietergebühren dann, wenn du nicht Shopifys eigene Zahlungsabwicklung nutzt. Dazu Apps, die einzeln zehn bis fünfzig Euro monatlich kosten und in Summe die Grundgebühr regelmäßig übersteigen. Und Entwicklungsleistung für alles, was Vorlage und Apps nicht abdecken.
Bei Shopware ist die Lizenz beziehungsweise die freie Verfügbarkeit der Community-Version der kleinste Teil. Dazu kommen: Hosting in belastbarer Qualität, laufende Wartung mit Aktualisierungen und Testumgebung, Erweiterungen, und deutlich mehr Aufwand in der Erstumsetzung.
Der Posten, der in beiden Rechnungen fast immer fehlt, ist der teuerste: die Anbindung an deine Warenwirtschaft. Bestände, Preise, Bestellungen, Rechnungen, Retouren. Diese Schnittstelle entscheidet über deinen operativen Alltag, sie ist in keiner Preisliste enthalten, und sie ist bei beiden Systemen ein eigenes Projekt.
Was wir wem empfehlen
Shopify empfehlen wir, wenn du im Endkundengeschäft mit einheitlichen Preisen arbeitest, schnell live gehen willst, kein technisches Team im Haus hast und dein Kaufprozess dem Standard entspricht. Auch, wenn du international verkaufst und Zahlungsarten sowie Währungen ohne eigenen Aufwand brauchst.
Shopware empfehlen wir, wenn du B2B-Logik hast, Datenhaltung in der EU als Anforderung mitbringst, gewachsene Prozesse abbilden musst, tief in Warenwirtschaft oder ERP integrierst — oder wenn du langfristig unabhängig von einem Anbieter bleiben willst und die Betriebsverantwortung tragen kannst.
Nicht wechseln solltest du, wenn dein aktuelles System funktioniert und die Unzufriedenheit sich an Punkten festmacht, die eine Migration nicht löst — schlechte Produktdaten, fehlende Bilder, unklare Sortimentsstruktur, kein Marketing. Diese Probleme wandern mit. Wir sagen das offen, auch wenn ein Migrationsprojekt für uns das größere Angebot wäre: Ein Systemwechsel, der ein Datenproblem lösen soll, produziert ein teures Datenproblem in neuer Oberfläche.
Die Frage, die wichtiger ist als die Systemfrage
In den meisten Gesprächen, die mit „Shopware oder Shopify?“ beginnen, liegt das eigentliche Thema woanders. Nämlich hier:
- Sind deine Produktdaten vollständig, einheitlich und gepflegt? Wenn nicht, ist das dein Projekt — unabhängig vom System.
- Wie kommen Menschen in den Shop? Ein technisch exzellenter Shop ohne Zulauf verkauft nichts.
- Wer pflegt den Shop nach dem Start, wie viel Zeit hat diese Person, und was kann sie ohne Agentur ändern?
- Welche eine Kennzahl soll in zwölf Monaten besser sein — und wie hoch ist sie heute?
Wenn du diese vier Fragen beantworten kannst, ist die Systementscheidung meist offensichtlich. Wenn nicht, ist sie die falsche erste Frage.
Genau da setzen wir in der kostenlosen Potenzialanalyse an: Wir sehen uns dein Geschäft, deine Daten und deine Prozesse an und geben dir eine begründete Empfehlung — einschließlich der Empfehlung zu bleiben, wenn wir sie für richtig halten. Als staatlich akkreditierter BAFA-Förderberater können wir eine anschließende Strategieberatung außerdem förderfähig machen.