Core Web Vitals: Warum schnelle Seiten mehr Anfragen bringen

Von Alex Schell

SEO 6 Min. Lesezeit

„Unsere Seite ist doch schnell.“ Dieser Satz fällt fast immer, und meistens stimmt er — für den, der ihn sagt. Auf einem neuen Rechner, im Büro-WLAN, mit warmem Cache. Deine Kunden sind woanders: auf einem drei Jahre alten Telefon, im Zug, mit schlechter Verbindung.

Core Web Vitals sind der Versuch, genau diese Wirklichkeit zu messen. Und weil sie sich mit dem verhalten, was Nutzer als Qualität empfinden, hängt an ihnen mehr als eine Position in der Suche.

Die drei Werte in verständlichem Deutsch

LCP — Largest Contentful Paint. Wann ist das größte sichtbare Element fertig geladen, meist das Hero-Bild oder die Hauptüberschrift? Gut ist ein Wert von 2,5 Sekunden oder darunter. Das ist der Moment, in dem ein Besucher das Gefühl hat: Die Seite ist da.

INP — Interaction to Next Paint. Wenn jemand tippt oder klickt, wie lange dauert es, bis die Seite sichtbar reagiert? Gut sind 200 Millisekunden oder weniger. Dieser Wert hat im März 2024 den älteren FID ersetzt, und er ist strenger: Er betrachtet nicht nur die erste Interaktion, sondern das Verhalten über den ganzen Besuch.

CLS — Cumulative Layout Shift. Wie stark verrutscht das Layout während des Ladens? Gut ist ein Wert unter 0,1. Das ist der Effekt, bei dem du auf einen Link tippst und im letzten Moment ein Banner nachlädt, sodass du auf etwas anderes triffst.

Ein Detail, das häufig für Verwirrung sorgt: Google bewertet das 75. Perzentil echter Besuche. Es genügt also nicht, dass es im Schnitt passt — drei von vier Aufrufen müssen den Wert erreichen. Und gemessen wird an echten Nutzern, nicht an deinem Testlauf.

Warum das Anfragen kostet, nicht nur Rankings

Die Rankingwirkung ist real, aber sie ist der schwächere Teil des Arguments. Google behandelt Seitenerlebnis als einen Faktor unter vielen; bei gleichwertigem Inhalt kann er entscheiden, aber er ersetzt keinen besseren Inhalt.

Der stärkere Teil ist einfacher. Wer wartet, geht. Das trifft besonders die Seiten, auf denen Geld entsteht: Kontaktformular, Konfigurator, Warenkorb, Terminbuchung. Dort kommt ein Layoutsprung besonders teuer — ein Fehlklick im Formular bedeutet oft nicht Korrektur, sondern Abbruch.

Und es gibt einen Effekt zweiter Ordnung, der selten bedacht wird: Bezahlte Anzeigen führen auf dieselben Seiten. Eine langsame Landingpage verteuert deine Klicks, weil ein Teil der bezahlten Besucher abspringt, bevor die Seite steht. Performance-Arbeit wirkt hier doppelt.

Wo du messen solltest — und wo nicht nur

Lighthouse in den Entwicklerwerkzeugen des Browsers ist gut, um Ursachen zu finden. Es ist schlecht, um den Zustand zu beurteilen: Es misst deinen Rechner, deine Leitung, deinen Moment.

Für die Beurteilung brauchst du Felddaten, also Messwerte echter Besuche. Zwei Quellen, beide kostenlos: der Bericht zur Nutzererfahrung in der Google Search Console und das Chrome User Experience Report über PageSpeed Insights.

Die verlässliche Arbeitsweise ist die Kombination. Felddaten sagen dir, ob und wo ein Problem besteht. Lighthouse sagt dir, woran es liegt. Wer nur Lighthouse benutzt, optimiert häufig Dinge, die im Feld nie aufgefallen sind.

Die vier Ursachen, die wir am häufigsten finden

Bilder in Originalgröße

Nach wie vor der größte Einzelposten. Ein Hero-Bild mit 4.000 Pixeln Breite und drei Megabyte, ausgeliefert an ein Telefon mit 390 Pixeln Anzeigebreite. Der LCP kann nicht gut sein, weil das größte Element eben dieses Bild ist.

Was hilft: moderne Formate wie AVIF oder WebP, mehrere Größen ausliefern und die passende vom Browser wählen lassen, Bilder unterhalb des Sichtbereichs verzögert laden — das Hero-Bild allerdings ausdrücklich nicht, das braucht Priorität. Und immer Breite und Höhe mitgeben, sonst entsteht beim Nachladen genau der Layoutsprung, den CLS bestraft.

Ein gutes Redaktionssystem nimmt dir das ab. Wenn deine Redaktion beim Hochladen über Bildformate nachdenken muss, ist die Einrichtung unfertig.

Schriften, die zu spät kommen

Der Browser findet die Schriftdatei erst, nachdem er das Stylesheet gelesen hat. In der Zwischenzeit bleibt Text unsichtbar oder springt beim Wechsel der Schrift um.

Was hilft: Schriften selbst hosten statt von einem fremden Dienst laden, nur die tatsächlich benutzten Schnitte ausliefern, die wichtigsten Dateien vorab anfordern und den Textaustausch so einstellen, dass sofort mit einer Ersatzschrift gerendert wird.

Wir hosten Schriften ausnahmslos selbst, und der Performancegewinn ist dabei nur der zweite Grund. Der erste ist Datenschutz: Ein Aufruf bei einem externen Schriftdienst überträgt die IP-Adresse deiner Besucher, und dafür brauchst du eine Rechtsgrundlage, die du nicht willst.

Drittanbieter-Skripte

Der unangenehmste Posten, weil er meist nicht aus der Entwicklung kommt. Analytics, Tag-Manager, Chat-Widget, Heatmap, Anzeigen-Pixel, Bewertungssiegel — jedes einzelne wurde irgendwann für gut begründet eingebaut. Zusammen blockieren sie den Hauptprozess des Browsers, und das schlägt vor allem auf INP durch.

Was hilft, in dieser Reihenfolge: Erstens ehrlich inventarisieren und alles entfernen, was seit sechs Monaten niemand ausgewertet hat. Zweitens laden, was bleibt, verzögert und nicht blockierend. Drittens — und das ist ohnehin Pflicht — nichts ohne Einwilligung starten. Ein sauberes Consent-Management verbessert die Werte oft nebenbei, weil viele Skripte für einen großen Teil der Besucher nie geladen werden.

Fehlendes oder falsches Caching

Viele Seiten werden bei jedem Aufruf neu aus der Datenbank zusammengebaut, obwohl sich der Inhalt seit Wochen nicht geändert hat. Modernes Caching liefert die fertige Seite aus und erneuert nur die Teile, die wirklich individuell sind.

Hier lohnt der Blick auf die serverseitigen Antwortzeiten, gemessen als Time to First Byte. Wenn der Server 800 Millisekunden braucht, bevor das erste Byte unterwegs ist, ist keine Frontend-Optimierung mehr sinnvoll — dann ist die Ursache dahinter.

Ein realistisches Vorgehen für zwei Wochen

Performance-Projekte scheitern selten an Technik, sondern daran, dass sie zu groß angesetzt werden. Diese Reihenfolge liefert die meiste Wirkung pro Stunde:

  1. Felddaten ansehen. Welche Seitentypen sind betroffen? Häufig sind es zwei oder drei Vorlagen, nicht die ganze Website.
  2. Deine drei wichtigsten Seiten festlegen. Startseite, wichtigste Leistungsseite, Kontakt oder Warenkorb. Nur die.
  3. Drittanbieter-Inventar. Meist der schnellste Gewinn, und er kostet keine Entwicklungszeit, sondern eine Entscheidung.
  4. Bilder auf diesen drei Seiten. Formate, Größen, Maßangaben.
  5. Schriften. Einmal richtig, gilt danach für alle Seiten.
  6. Vier Wochen warten und Felddaten erneut prüfen. Das ist der Schritt, der am häufigsten übersprungen wird — Felddaten brauchen Zeit, bis sie deine Änderung zeigen.

Was wir nicht empfehlen

Auf 100 Punkte optimieren. Der Lighthouse-Wert ist ein Diagnosewerkzeug, kein Ziel. Die letzten Punkte kostet man mit Aufwand, der an anderer Stelle mehr Wirkung hätte.

Alles-in-einem-Optimierungsmodule installieren. Sie verbessern manchmal die Messung, ohne die Ursache anzufassen, und erzeugen dabei gern neue Fehler. Die Ursachen sind bekannt und behebbar — dafür braucht es kein Werkzeug, das dazwischen liegt.

Performance als Einmalprojekt behandeln. Werte verschlechtern sich mit jedem eingebauten Skript und jedem großen Bild. Sinnvoll ist eine kleine, monatliche Kontrolle, kein Kraftakt alle zwei Jahre. Genau dafür ist ein Wartungsvertrag da.

Wenn du eine ehrliche Einordnung willst: Wir sehen uns in der kostenlosen Potenzialanalyse deine Felddaten an und sagen dir, ob du ein Performanceproblem hast — oder ob dein Wachstum an einer anderen Stelle festhängt. Beides kommt vor, und das zweite häufiger, als man denkt.

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