BFSG in der Praxis: Die 7 häufigsten Fehler auf Unternehmensseiten
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit dem 28. Juni 2025. Seitdem sind viele Unternehmen verpflichtet, ihre digitalen Angebote barrierefrei anzubieten — und viele haben in der Zwischenzeit einen Prüfbericht bekommen, den sie nicht einordnen können.
Dieser Text ist die Praxisversion. Keine Gesetzesauslegung, sondern die sieben Fehler, die uns bei Prüfungen von Unternehmensseiten am häufigsten begegnen — mit dem Hinweis, wie teuer die Behebung jeweils ist. Denn das ist die Information, die in Prüfberichten fehlt: Was davon ist ein Nachmittag, und was ist ein Projekt?
Kurz zur Einordnung: für wen gilt das?
Das BFSG setzt den European Accessibility Act in deutsches Recht um. Es betrifft im Kern Produkte und Dienstleistungen, die Verbraucherinnen und Verbrauchern angeboten werden — also unter anderem Online-Shops, Buchungs- und Terminstrecken, Kundenportale und den elektronischen Geschäftsverkehr.
Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten und höchstens zwei Millionen Euro Jahresumsatz sind bei Dienstleistungen ausgenommen. Der öffentliche Sektor war bereits vorher über die BITV 2.0 verpflichtet, für ihn ändert sich weniger.
Der technische Maßstab ist die europäische Norm EN 301 549, die für Webinhalte im Wesentlichen auf WCAG 2.1 auf Konformitätsstufe AA verweist. Wenn dein Dienstleister von „WCAG AA“ spricht, meint er das.
Zwei Sätze zur Ehrlichkeit: Wir sind eine Digitalagentur, keine Rechtsberatung. Ob und in welchem Umfang du betroffen bist, gehört anwaltlich geklärt. Was wir beurteilen können, ist der technische Zustand deiner Website — und der ist bei den folgenden sieben Punkten fast immer verbesserungsfähig.
Fehler 1: Kontraste, die im Corporate Design festgeschrieben sind
Der mit Abstand häufigste Befund, und der unangenehmste, weil er nicht an der Website hängt, sondern am Designhandbuch. Ein helles, elegantes Akzentgold auf weißem Hintergrund sieht hervorragend aus und erreicht als Text kein ausreichendes Kontrastverhältnis.
Gefordert sind mindestens 4,5:1 für normalen Text und 3:1 für großen Text — als groß gilt dabei ab 18 Pixel, beziehungsweise ab 14 Pixel bei fetter Schrift.
Die Lösung ist nicht, die Markenfarbe aufzugeben. Sie ist, eine zweite, dunklere Variante derselben Farbe für Textverwendung zu definieren. Die Fläche bleibt hell und markentypisch, die Schrift wird lesbar. Wir haben genau das im eigenen Designsystem gemacht: eine Flächenvariante und eine Textvariante, dokumentiert, mit Kontrastwert daneben.
Aufwand: Als Designentscheidung ein halber Tag. Als Umsetzung auf einer bestehenden Seite je nach Umfang ein bis mehrere Tage — der Wert steht meist an hunderten Stellen.
Fehler 2: Überschriften, die nur wie Überschriften aussehen
Im Redaktionssystem wird Text fett und größer gemacht, damit er wie eine Zwischenüberschrift wirkt. Technisch ist es ein Absatz. Für sehende Nutzer identisch, für einen Screenreader ein erheblicher Unterschied: Er kann die Seite nicht mehr über die Überschriftenstruktur erschließen und muss alles linear vorlesen.
Verwandt und ebenso häufig: übersprungene Ebenen. Nach einer H2 folgt direkt eine H4, weil die Schriftgröße besser passte.
Aufwand: Gering, aber breit verteilt. Eine Seite ist in Minuten korrigiert, 200 Seiten sind eine Redaktionsaufgabe über Wochen. Der eigentliche Fix ist strukturell: Die Formatvorlagen im Editor so einschränken, dass der Fehler nicht mehr entstehen kann.
Fehler 3: Alternativtexte, die den Zweck verfehlen
Hier gibt es zwei Ausprägungen, und beide sind falsch.
Die erste: Alternativtexte fehlen. Die zweite, subtilere: Sie sind da, aber beschreiben das Dateisystem statt das Bild — „bild-2024-final-v3.jpg“ oder „Grafik“. Auch dekorative Bilder gehören übrigens behandelt, nämlich mit leerem Alternativtext, damit der Screenreader sie überspringt statt sie zu benennen.
Die nützliche Frage beim Schreiben: Welche Information würde fehlen, wenn dieses Bild nicht da wäre? Genau die gehört in den Text. Bei einem Diagramm ist das die Aussage, nicht die Beschreibung der Achsen.
Aufwand: Redaktionell, dafür planbar. Mit einer echten Medienbibliothek pflegst du den Text einmal pro Bild statt einmal pro Verwendung — das halbiert die Arbeit oft.
Fehler 4: Formulare ohne verbundene Beschriftungen
Der teuerste Fehler dieser Liste, weil er dort sitzt, wo die Conversion passiert. Ein Eingabefeld, dessen Beschriftung nur als Platzhaltertext im Feld steht, ist für unterstützende Technologien nicht zuverlässig benannt — und der Platzhalter verschwindet ohnehin, sobald jemand zu tippen beginnt. Wer beim Ausfüllen unterbrochen wird, weiß danach nicht mehr, was in das Feld gehört.
Dazu kommen Fehlermeldungen, die ausschließlich farblich markiert sind. Ein roter Rahmen ohne Text sagt: Irgendwas stimmt nicht. Er sagt nicht, was.
Richtig ist: sichtbare, dauerhafte Beschriftung über dem Feld, technisch mit dem Feld verbunden. Fehlermeldungen in Worten, direkt am betroffenen Feld, mit Hinweis auf die erwartete Eingabe. Pflichtfelder nicht nur mit einem Sternchen markiert.
Aufwand: Ein bis drei Tage pro Formularstrecke. Bei mehrstufigen Formularen mehr, weil Fortschritt und Fokusführung zwischen den Schritten dazukommen.
Fehler 5: Alles, was nur mit der Maus geht
Der Test dafür dauert zwei Minuten, und du kannst ihn heute machen: Lege die Maus weg und bediene deine Website ausschließlich mit Tabulator, Pfeiltasten und Enter.
Typische Fundstellen: Ein Dropdown-Menü, das sich nur bei Mausbewegung öffnet. Ein Cookie-Banner, das den Fokus nicht einfängt und aus dem man nicht per Tastatur herauskommt. Ein Bildkarussell ohne Bedienelemente. Ein Modal-Fenster, das sich nicht mit Escape schließt und dahinterliegende Elemente fokussierbar lässt.
Ein eigener Punkt, weil er so oft übersehen wird: der Fokusrahmen. Er wird in vielen Projekten entfernt, weil er als unsauber empfunden wird. Damit wird Tastaturbedienung praktisch unmöglich — man sieht nicht, wo man ist. Wenn der Standardrahmen nicht ins Design passt, gestalte einen eigenen, der auffällt. Entfernen ist keine Option.
Aufwand: Sehr unterschiedlich. Der Fokusrahmen ist eine Stunde. Ein Navigationsmenü, das ohne Tastaturunterstützung gebaut wurde, ist ein Umbau von mehreren Tagen.
Fehler 6: Videos und PDFs, die niemand mitgezählt hat
Videos brauchen Untertitel. Das ist bekannt und wird trotzdem regelmäßig übersehen, weil die Videos oft aus dem Marketing kommen und nicht als Websiteinhalt gedacht sind.
Der größere blinde Fleck sind PDFs. Preislisten, Datenblätter, Formulare, Geschäftsberichte — häufig aus dem Layoutprogramm exportiert, ohne getaggte Struktur, teils als reines Scanbild ohne Textebene. Für einen Screenreader ist das ein leeres Dokument.
Unsere pragmatische Empfehlung: Prüfe zuerst, ob das PDF überhaupt ein PDF sein muss. Sehr viele davon sind Inhalte, die als Webseite besser funktionieren — besser findbar, besser lesbar auf dem Telefon und ohne Zugänglichkeitsproblem. Was ein Dokument bleiben muss, wird sauber getaggt exportiert.
Aufwand: Untertitel sind heute mit maschineller Vorerstellung und redaktionellem Korrekturlauf schnell. PDF-Nacharbeit ist Handarbeit pro Dokument — hier lohnt Aussortieren mehr als Sanieren.
Fehler 7: Die fehlende Erklärung zur Barrierefreiheit
Der Fehler, der am wenigsten Arbeit macht und am häufigsten fehlt. Betroffene Anbieter müssen über die Barrierefreiheit ihres Angebots informieren und einen Weg für Rückmeldungen bereitstellen.
Wichtig, weil es viele überrascht: Diese Erklärung muss nicht behaupten, dass alles perfekt ist. Sie darf und soll benennen, was noch nicht barrierefrei ist und wann es angegangen wird. Ein bekannter, dokumentierter Mangel mit Zeitplan ist eine deutlich bessere Position als ein unbekannter — und die Marktüberwachung wird auf Beschwerden hin tätig, die dann oft schon beantwortet sind.
Aufwand: Ein halber Tag, wenn der technische Prüfstand vorliegt.
Die Reihenfolge, die wir empfehlen
Wenn du nicht alles gleichzeitig angehen kannst — und das kann kaum jemand — dann in dieser Folge:
- Formulare und Kontaktstrecken. Dort entsteht Geschäft, dort ist der Ausschluss am folgenreichsten.
- Tastaturbedienbarkeit und Fokusrahmen. Betrifft alle Seiten gleichzeitig, oft mit begrenztem Aufwand.
- Kontraste. Einmal im Designsystem entschieden, danach mechanisch umsetzbar.
- Überschriftenstruktur und Alternativtexte. Redaktionell, laufend, gut auf mehrere Wochen verteilbar.
- Erklärung zur Barrierefreiheit veröffentlichen. Sobald du den Stand kennst — nicht erst, wenn alles fertig ist.
- Dokumente und Videos. Der langlaufende Posten. Aussortieren geht vor Sanieren.
Und ein Satz, der uns wichtig ist: Barrierefreiheit ist der Fall, in dem gesetzliche Pflicht und Eigeninteresse ungewöhnlich weit zusammenliegen. Klare Kontraste, sinnvolle Struktur, bedienbare Formulare — davon profitiert jeder, der deine Seite auf dem Telefon in der Sonne benutzt. Die Verbesserungen zahlen sich in der Conversion aus, nicht nur in der Compliance.
Wenn du wissen willst, wo deine Website konkret steht: Wir prüfen sie in der kostenlosen Potenzialanalyse gegen die Punkte dieser Liste und geben dir eine nach Aufwand sortierte Reihenfolge — inklusive der Stellen, an denen wir Nichtstun für vertretbar halten.